|
Abstraktionen im Wunderland - Die Skulpturen von Marina Schreiber Das wichtigste Ziel von Alice im Wunderland ist ein kleiner Garten. "Und so war es in der Tat: sie war hoechstens noch eine Spanne groß, und ihre Miene hellte sich auf, als ihr einfiel, daß sie jetzt durch die kleine Tuer paßte, um in den herrlichen Garten zu gelangen." Bei den Werken von Marina Schreiber müssen wir, die Betrachter, nicht durch eine kleine Tür passen, aber dennoch betreten wir so etwas wie einen Garten. Aber die Objekte in diesem Garten moegen auf den ersten Blick auch seltsam erscheinen, so seltsam wie die Bewohner des Gartens,in den sie dann doch zuletzt gelangt, auf Alice wirken. Aber so wie sich hinter den Erscheinungen des Gartens von Alice nicht nur die putzigen Lebenswelten eines scheinbaren Kinderbuches verbergen, sondern der Sinn und Unsinn einer auf die Spitze getriebenen Logik, so offenbaren sich auch die Plastiken von Marina Schreiber doppeldeutig. Auf den ersten Blick ueberraschen sie durch ihre Vielgestaltigkeit und ihre Farbigkeit. Aber ein Blick reicht nicht. Die Skulpturen von Marina Schreiber muessen erfahren werden. Diese Erfahrung schliesst das Umgehen der Form ein und die Übersetzung des visuellen Eindrucks in eine taktile Vorstellung. Denn hier hat der skulpturale Koerper auch sozusagen eine Haut, die durch das verwendete Material, Lindenholz oder Polyester, und den Farbauftrag hervorgerufen wird. Je nach Perspektive nehmen wir diese `Koerper` anders wahr. Marina Schreiber nennt ihre Skulpturen `Biomorphe Abstraktionen` und sie weist damit der Deutung einen Weg. Wer im Wörterbuch unter Abstraktion eine Erklärung sucht, findet: 1) Begriffsbildung 2) Verallgemeinerung 3) Begriff. Allenfalls die zweite Bestimmung liesse sich auf die Arbeiten von Marina Schreiber anwenden, denn tatsächlich findet in ihnen eine Art Verallgemeinerung statt.Einzelne Elemente kann der Betrachter identifizieren, andere aber bleiben geheimnisvoll. Das mag auch für die jeweiligen Werke im Gesamten gelten. Damit aber nimmt der Begriff der Abstraktion einen anderen Inhalt an. Denn die Skulpturen sind real, sie sind realistische Modelle ihrer selbst. Ein genauerer Blick auf eine der Arbeiten laesst das deutlicher werden. In einer der juengsten Arbeiten von Marina Schreiber woelbt sich über einer zungenartigen gelben Form ein roter Pilz. Beide Gestalten, verbunden zu einer skulpturalen Aussage, erinnern an biologische Phaenomene, ohne daß der Betrachter sie genau zuordnen kann. Die gelbe Gestalt könnte so etwas wie ein Unterwasser-Lebewesen darstellen, die gerade so etwas wie einen Fremdkörper, den roten Pilz, ausstoesst. Dennoch existiert die Gestalt nur als plastische Form. Daß wir sie so sehen koennen wie beschrieben, beruht auf unseren eigenen Erfahrungen mit Erscheinungen in der Natur. Und diese Erfahrungen finden in den Werken von Marina Schreiber ein Bild, in das auch die eigenen Erfahrungen der Kuenstlerin selber einfliessen. Im Hintergrund wird damit auch unser Verhaeltnis zur Natur beleuchtet, das sich in einem unvorstellbaren Wandel befindet. Denn Biotechnologie ermoeglicht einen direkten Zugang ins Erbgut und laesst so den Menschen als Naturgeschöpf selber zum Schoepfer von Natur werden. Damit sind wir vielleicht garnicht mehr so weit vom Wunderland von Alice entfernt, aber wir erschrecken vor dieser Annaeherung und gleichzeitig sind wir fasziniert. Dieses Faszinosum geht auch von den Arbeiten von Marina Schreiber aus, gerade weil sie die Schoenheit mit dem Erschrecken verbinden. So sprechen ihre Plastiken ebenso von den möglichen biomorphen Welten der Biotechnologie als auch vom Garten in Alices Wunderland.
Thomas Wulffen ( aus: „zu zweit“, Katalog zur Ausstellung in der Galerie im Körnerpark , herausgegeben vom Kulturamt des Bezirks Berlin- Neukölln) download Text von Thomas Wulffen im rtf- Format
|
||||